Das Fabelwesen aus Blackpool
Aus der englischen Sportwagenschmiede TVR kamen stets aussergewöhnliche Fahrzeuge auf die Strasse. Populärstes Modell der Marke ist der Chimaera V8 der 1990er-Jahre. Ebenso abenteuerlich wie die schnellen Zweisitzer ist auch die Geschichte des Unternehmens.

Auf dem Parkplatz wird das feuerrote Cabrio oft eines zweiten Blicks gewürdigt: TVR, was ist denn das? Zwar sind den meisten Leuten die englischen Sportwagenmarken MG und Triumph geläufig, doch TVR blieb auf dem Kontinent stets ein Geheimtipp für Fans von Hardcore-Sportwagen.
1946 gründete Trevor Wilkinson in Blackpool das Sportwagenunternehmen, dem er seinen verkürzten Vornamen als Markennamen verpasste. Sein Rezept: Bewährte V6- und V8-Motoren von Ford und Rover, eingebettet in einen Gitterrohrrahmen und umhüllt mit einer Karosseriehaut aus Glasfaserverbundmaterial. Allerdings führte im Laufe der Jahre der Bau eigener R6-, V8- und sogar V12-Motoren sowie immer wieder neuer Karosserien zu mehreren Pleiten und Neugründungen. Heute existieren zwar Pläne für ein neues Modell, doch scheint die Marke derzeit im Koma zu liegen.

Mythologischer Modellname
In der griechischen Mythologie bezeichnet Chimaera ein feuerspeiendes Mischwesen zwischen Ziege und Löwe. Von 1992 bis 2002 fertigte TVR ein 4-Meter-Cabrio mit diesem Namen. Autosprint bot sich die Gelegenheit zu einer ausgedehnten Probefahrt mit dem verkaufsseitig erfolgreichsten Modell aus Blackpool. Schon die Hauptcharakteristika lassen aufhorchen: Standardantrieb mit 4-Liter-V8 von Rover und 5-Gang-Handschalter von Borg-Warner, Fahrzeuggewicht nur 1060 Kilogramm.
Schon vor dem Start wird dann klar, dass bei TVR alles ein bisschen anders ist. Statt einer Türfalle beispielsweise dient ein Druckknopf auf der Unterseite des Aussenspiegels zum Entriegeln der Türe. Nach der Fahrt wird diese durch Drehen eines kugelförmigen Schalters auf der Mittelkonsole geöffnet.
Auch wenn sich die Motorleistung von 240 PS aus heutiger Sicht eher bescheiden ausnimmt, stellt sich vom ersten Meter an echtes Sportwagen-Feeling ein. Die niedrige Sitzposition, das geringe Fahrzeuggewicht, die Doppelquerlenker-Radaufhängung rundum und der wohlige V8-Sound sorgen für ordentlich Stimmung. Das Betätigen von Kupplung und Handschaltgetriebes erfordert zwar schon fast vergessenen körperlichen Einsatz, doch dies steigert das Fahrvergnügen sogar.

Ohne ABS und Servolenkung
Auf kurviger Bergfahrt erweist sich der Chimaera – das Dach ist im Kofferraum verstaut – als perfekt balanciertes Sportgerät. Das Lamellen-Sperrdifferenzial sichert Traktion in der Kurve, und dass die Lenkung ohne Servo arbeitet, fällt erst in kleinen Kreiseln oder beim Parkieren auf. Und obwohl ABS und ESP in den 1990er-Jahren in der Autoproduktion Fuss zu fassen begannen, fehlen solche Systeme im Chimaera. TVR-Fahrer haben die Fahrdynamik ohne elektrische Unterstützung zu meistern – bei Nässe halt mit besonders sensiblem Gasfuss.
